Città aperta
Fast eine Geschichte, die sich an den Bildern von Chiara Smirne inspiriert
In den Schatten, die sich deutlich vor dem Schein der Straßenlaternen in einer Frühlingsnacht abheben, schweift der Blick des einsamen Passanten flüchtig umher. Er wandert durch die Nacht und lässt seinen Gedanken und den begierigen, ausgedörrten Blick, der die Durchgänge absucht und die flüchtigen Liebespaare betrachtet, die sich einen letzten Kuss gewähren, freien Lauf… schnell… ich muss weg von hier… man erwartet mich, kurz vor dem Eingang, um die Ecke in den Gässchen, die zur großen Straße führen. Die Nacht ist die Stadt des Schweigens, das chinesische Schattenspiel, das von wirklichen Märchen, düsteren Dramen, fröhlichen Trinkgeladen und schamlosen Leidenschaften erzählt. Man vernimmt kaum das Donnern eines weit entfernten Autos und die Lichter erscheinen wie Scheinwerfer, die flüchtige Momente beleuchten, während Häuserwände die Kulissen für unser Lebenstheater bilden. Die Stadt ist der offene Schauplatz für die Darstellung unseres Traums. Das Leben oder die Fantasie, einerlei. Die Schauspieler sind wir selbst, wir wählen die Maske, die Kulisse und das Drehbuch in der unendlichen Aufeinanderfolge der Tage. Das Drama, die Komödie oder die Farce, in den Straßen und auf den Plätzen, versteckt zwischen den herrschaftlichen Palästen des Zentrums oder den trostlosen Megabauten der Vorstädte. Hinter den Rollläden der Geschäfte mit ihren nur von den Straßenlaternen beleuchteten Schaufensterpuppen oder… ich könnte schwören... die beiden dort im Schaufenster… sie bewegen sich... oder…? und das Gesicht des Mädchens, die verlorene Liebe, das sehnlichst erwünschte Erinnerungsstück, die verdammte Hausherrin, sie beäugt uns, sie beobachtet dich, sie erscheint und verschwindet in den bizarren Plakaten, dort hinter jenem Fenster war ihr großes Auge, dort in dem gegenüberliegenden Haus war nur ihr unvergleichliches Lächeln zu sehen, ihr Mund, der so sanft und so grausam sein kann.
 
Aus den dunklen Ecken schwärmen die langsamen Prozessionen der Teufel hervor, nicht für die Heiligen, sondern für die, die weiterhin in der Sünde leben wollen, authentische Errettung vom Empyreum, wo das Licht die Gefühle vernichtet. Nur in dieser trostlosen Nacht, zwischen Gehsteigen und Häuserwänden, vernehmen wir unsere Schritte, können wir unsere Seele finden und erneut lieben. Ist die Stadt nicht vielleicht auch die sinngemäße Darbietung unserer Existenz und die unvermeidbare Kulisse? Und die Nacht, wo die Gedanken und die Hoffnungen keimen, die Plazenta, die uns liebenswürdig einhüllt, um uns beim unausweichlichen Anbrechen des neuen Tages einem neuen Leben zuzuführen? Das ist es, was uns der Autor übergibt: einen offenen Schauplatz, wo wir den Gang der Handlung aufbauen können. Sie, Chiara Smirne, beschreibt, umreißt mit einer Präzision, die keine Missverständnisse aufkommen lässt,   stellt die Lichter ein, wählt die Farben aus, gibt die Tiefe, zeigt die Fluchtwege und die Alternativszenarien an und definiert den Ort der Darstellung. Bühnenbildnerin, Architektin, Zimmermann und Malerin. Uns überlässt sie die Aufgabe, die Regie zu führen und Handlungen und Schauspieler auszuwählen. Sie beurteilt nicht, sie beschränkt sich darauf, die Welt zu schaffen, die wir bewohnen werden. Mit Realität oder Fantasie. Das ist die Freiheit der Kunst, das magische Theater der Malerei, wo alles sein kann oder das Nichts dominiert. Die Freiheit, die Kulissen zu benennen und die Stadt unserer Geschichte zu umreißen. Für die einen ist es Mailand, für andere Berlin oder Smirne, nomen omen unserer Autorin, sonst auch Tokio, Wladiwostok oder Buenos Aires. Für einige ist es Paris…
 
…Wenn dich im Bauch von Paris urplötzlich die Stimme Gottes mit zwölf Violinen und Bögen einhüllt und…
 
Wenn dich in den Gedärmen von Paris eine (verstärkte) Zigeunergitarre überwältigt und ohrfeigt.
 
Wenn auf dem Laufband von Chatelet der Mann urplötzlich in die Gegenrichtung läuft und gegen den Strom ankämpft und weint, während die Menschen ihn beschimpfen.
 
Wenn sich im übervollen Bistro hundert Stimmen vermischen und diese deine Freunde, deine Leidenschaften, deine Erinnerungen sind…
 
Wenn der alte Professor in die unvermeidbare und unmögliche Liebe zur zwanzigjährigen Schülerin verfällt und sein langes Haar ergraut und sich im Wind der Träume zerstreut.
 
Wenn beim Vollmond im Dezember der einsame Freund das gesamte Gewicht allen Verlassenwerdens verspürt.
 
Wenn der bejahrte Händler zwischen den Wellen der Seine das rote Haar der verlorenen Geliebten erahnt (ein Wink oder ein Wort hätte genügt, damals am Bahnhof und ich… und ich… es war nur meine Schuld…).
 
Wenn du am Abend nach Hause kommst und das Gummi der Sohlen dich noch nicht einmal das magische Ticktack vernehmen lassen und nur Stille herrscht.
 
Wenn ein Glas Bordeaux dich mit der Welt versöhnt und dich mit vollem Magen der Eiseskälte des Universums ausliefert.
 
Wenn du am Ende der Straße deine Seele Gott verkauft hast und nicht weißt, wie die Nacht enden wird.
 
Wenn sich die im Winde verstreuten Liebesworte mit dem Regen vermischen, wie deine Tränen.
 
Wenn der unverkennbare Geruch deines Bücherregals deine Sinne aufreizt und die Sehnsucht anregt.
 
Wenn die Erinnerung des müden Körpers nach dem Liebesakt eben nur eine Erinnerung ist.
 
Wenn in der aus den Fugen geratenen Stadt die Menschen wie Ameisen ausschwärmen und sich in tausend Geschichten vertiefen.
 
Wenn du das Bild deines Antlitzes anschaust und dich fragst: „Wer ist der da? Wer bin ich?“
 
Wenn der Mensch sich umdreht und sieht, wie sein eigener Schatten länger, immer länger wird… und dazu bestimmt ist, vergänglich zu sein?
 
Stefano Cortina
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